Head in the Cage
Jakub Tomáš
- Vernissage
- Montag, 20. Januar 2020
- Ausstellung
- 20. Januar 2020 – 22. März 2020
Jakub Tomáš (* 1982) stammt aus Jihlava im Böhmisch-Mährischen Hochland, dessen bewaldete Hügellandschaft von unberührter Authentizität und Individualität geprägt ist. Ein Teil dieses Charakters spiegelt sich auch in seiner Herangehensweise an die Malerei wider, bei der Tradition stark im Vordergrund steht, die er jedoch gleichzeitig durch formale Transformationen auf den neuesten Stand bringt und wichtige gesellschaftliche Themen widerspiegelt. Er untersucht und konstruiert die Komposition seiner Leinwände in szenografischen Papiercollagen, was den resultierenden Leinwänden eine besondere Spannung von illusorisch errichteten Szenen und flach stilisierten Figuren verleiht, die als leblose Schimären mit narrativem Inhalt angesehen werden können.
Seine neuesten Bilder werden von menschlichen Büsten bestimmt, die in verhedderten Käfigen aus Fasern ohne Anfang und Ende gefangen sind. Das Kopfmotiv, das seit langem in Tomáš' Werken vorkommt, repräsentiert hier leblose Objekte ohne Identität, denen die Fähigkeit zum rationalen oder emotionalen Denken entzogen ist. In früheren Gemälden zu diesem Thema waren die Fasern noch vegetativer Natur, was auf die enge Beziehung von Tomáš zur Natur hinweist. In neueren Arbeiten hat das Motiv des Käfigs jedoch bereits die Form einer abstrakteren, geometrisch wirkenden Struktur angenommen. Ein charakteristisches Merkmal dieser Bilder ist die Verschmelzung von figurativer Kunst und Abstraktion, von Vordergrund und Hintergrund, von Begrenzung und Begrenztem. Der Akzent auf Symbolik bezieht sich möglicherweise auf die Situation in der heutigen digitalen Welt, deren Ergebnis eine allgegenwärtige Entkörperung und Dematerialisierung ist.
Auch Franco Bifo Berardi warnt in seinem Buch „And: Phenomenology of the End“ vor diesen negativen Auswirkungen und macht das Internet für seine Beteiligung an der sich wandelnden Wahrnehmung der Welt in nicht-physikalische abstrakte Einheiten verantwortlich, was zusehends zur Unterdrückung von Realität, zur Isolation des menschlichen Individuums und zu einer Beeinträchtigung der emotionalen Sensibilität führt. Berardi zeigt, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem wir die zunehmende Menge an virtuell generierten Informationen nicht mehr verarbeiten können, und dass zwischenmenschliche Beziehungen in codierten technischen Sprachmaschinen in Form von Smartphones oder Bildschirmen aller Größen gefangen sind und unsere sensorische und emotionale Sensibilität zerstören.
Diese Tatsache veranschaulicht Tomáš durch das Motiv eines leblosen, leeren Kopfes, einer Art „inhaltsloser Form“, die von der Figur eines Bergsteigers erklommen wird. Das Thema einer vertikal kletternden Figur taucht auch in einem anderen Gemälde von Tomáš auf, in dem dieselbe Figur durch ein offenes Loch aus der dunklen Unterwelt hervortritt. Der Durchgang zwischen diesen Welten ist mittels der bekannten verworrenen Fäden miteinander verbunden, die wiederum zu einem Gefängnis für einen Kopf werden, der in der Nähe liegt. Das entkommende Wesen kann als persönliche Botschaft von Tomáš wahrgenommen werden, die besagt, dass jeder Mensch noch die Chance hat, aus dem Diktat des digitalen Netzwerks auszusteigen und seine Fähigkeit zu kritischem Denken und emotionaler Sensibilität zu bewahren. Genau diese Dispositionen verleihen unserer Existenz nämlich ihre Menschlichkeit.
Text: Barbora Ropková
Über den Künstler / die Künstlerin
Jakub Tomáš (* 1982) stammt aus Jihlava im Böhmisch-Mährischen Hochland.